Liebe Kundinnen und Kunden, liebe Lieferanten, liebe Leserinnen und Leser,
Was ist eigentlich der „richtige“ Weg?
Haben Sie unseren letzten OC-Gruß mit dem Thema „Bewegung“ gelesen? Wir durften viele schöne Rückmeldungen entgegennehmen – auch, dass viele überrascht waren, wie schnell wir wieder in die eigene Produktion vor Ort zurückgekehrt sind. Ja, bei uns ist wirklich viel in Bewegung. Die letzten Jahre haben uns wertvolle Erfahrungen sammeln lassen. Vor allem haben sie uns gezeigt, mutig zu sein: Entscheidungen zu treffen, wenn sie notwendig sind, hinzusehen und Dinge zeitnah anzusprechen, zu klären und umzusetzen. Und immer wieder heißt es: beweg dich – überprüfe deinen Weg, deine Haltung und deine Werte. Sind wir auf unserem Weg?
Wie gehen Sie mit dem Thema „Strom“ um?
Es gibt Themen, die uns am Rande immer wieder bewegen – die wir bislang aber nicht intensiv aufgearbeitet haben. Ein Beispiel ist der Einkauf von Strom. Energie ist die Grundlage unserer Arbeit – wir benötigen sehr viel davon. Seit mehr als 15 Jahren beziehen wir Ökostrom, weil es uns wichtig ist, bewusst mit Ressourcen umzugehen. Wir bemühen uns, sorgfältig und verantwortlich zu handeln.
In der letzten Zeit stellen wir uns jedoch immer mehr die Frage: Wie grün ist unser Strom wirklich? Und noch wichtiger: Haben wir genug Strom? Ja, diese Frage stellen wir uns, denn letzte Woche wurde angekündigt, dass es ab Herbst zu Stromabschaltungen kommen könnte.
Dr. Christoph Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung (CEO) und Arbeitsdirektor von Amprion GmbH, sagte dazu:
„Dass Übertragungsnetzbetreiber wie Amprion von möglichen kontrollierten Lastabschaltungen und hohen Strompreisen im Herbst ausgehen. Diese Abschaltungen wären im schlimmsten Fall für bestimmte Verbrauchergruppen (etwa Krankenhäuser, Industrie, Supermärkte) kurzfristig erforderlich. Konkret ist der Vorschlag, diesen Vorgang als letztes Mittel zur Netzstabilisierung in Betracht zu ziehen.“
Es ist zwar nur eine Ankündigung, dass es sein kann – aber sollten da nicht bei uns in der Wirtschaft alle Alarmglocken angehen? Wie gehen Sie in Ihrem Unternehmen mit dieser Ankündigung um?
Nicht für möglich gehalten.
Ganz ehrlich: Vor zwei, drei Jahren habe ich einen Newsletter dazu geschrieben, dass in der Türkei Stromabschaltungen eingeführt werden sollten. Damals fragte ich mich, ob das auch bei uns passieren könnte. Nein, das habe ich nicht geglaubt. Doch die letzten Jahre der Energiewende zeigen offenbar auch ihre Schattenseiten. Strom ist nicht mehr so einfach auszugleichen. Dafür braucht es Gaswerke und andere Stromerzeuger, die flexibel reagieren können – also schnell hochzufahren oder heruntergedrosselt zu werden sind.
Wir prüfen unseren grünen Strom.
Viele Jahre haben wir Strom über die ESW bezogen, seit drei Jahren über unseren Regionalanbieter. Die Frage, die uns beschäftigt, lautet: Ist grüner Strom wirklich grün – und wenn ja, wie viel?
Was ist überhaupt grüner Strom? Und was ist der „andere“ Strom? Lässt sich Strom trennen? Wie sauber ist „grün“? Und ist grüner Strom bezahlbar?
Mit diesem Newsletter möchten wir unsere Ergebnisse sachlich teilen – nicht, um zu polarisieren, sondern um aus unserer Sicht wissenswerte Fakten weiterzugeben und mit Ihnen in den Austausch zu kommen.
Was ist Strom?
Strom ist der gerichtete Fluss von Elektronen oder Ionen. Spannung ist die treibende Kraft, die diese Bewegung erzeugt. In Wechselstromnetzen bewegen sich die Elektronen hin und her – 50-mal pro Sekunde in Europa (50 Hz). Sichtbar ist Strom nicht, aber spürbar in seiner Wirkung.
Fakten zu Energiequellen
Biogas
- Flächenverbrauch: 1–1,5 Mio. ha landwirtschaftliche Fläche in Deutschland, vor allem Mais (60–65 %).
- Substrate: 60–65 % Energiepflanzen, 35–40 % Gülle, Mist, Erntereste.
- Methanertrag: Mais ca. 200–220 m³ CH₄/t Frischmasse, Gülle ca. 20–25 m³ CH₄/t Frischmasse.
- Emissionen: Methanverluste 2–5 %, CO₂ aus Anbau und Transport ca. 20–50 g CO₂-Äquivalent/kWh.
- Infrastruktur: Gärbehälter, Fermenter, Lagerhallen aus Beton, Stahl, Kunststoff; Anlagenleistung typ. 500 kW–2 MW.
- Lebensdauer: 20–25 Jahre.
- Subventionen: EEG-Vergütung 20–25 ct/kWh, Boni für Gülleanteil, Investitionsförderung über KfW und indirekte Agrarsubventionen.
- Kosten für Endverbraucher: doppelt – über EEG-Umlage und direkten Strombezug.
Wasserkraft
- Deutschland: ca. 7.300 Anlagen, insgesamt ca. 5,5 GW.
- Infrastruktur: Staudämme, Wehre, Turbinenhäuser aus Beton, Stahl, Kunststoff.
- CO₂: Betrieb nahezu emissionsfrei; Bau verursacht hohe CO₂-Emissionen.
- Umweltauswirkungen: Flüsse gestaut, natürliche Strömungen verändert, Ökosysteme beeinträchtigt.
- Lebensdauer: 50–100 Jahre.
- Subventionen: EEG-Vergütung kleine Anlagen 8–10 ct/kWh; große Anlagen oft marktpreisorientiert plus Investitionsförderung.
Windkraft
- Betonfundamente: 3.000–4.000 t pro Fundament, CO₂-Emissionen 1 m³ → 160–200 kg CO₂.
- Rotorblätter: Balsaholz 5–6 m³ pro Blatt (12–27 Bäume pro Windrad), schwer recycelbar.
- Lebensdauer: 20–25 Jahre für Anlagen, Fundamente bleiben dauerhaft.
- Subventionen: EEG-Vergütung Onshore 6–10 ct/kWh, Offshore 12–15 ct/kWh, Investitionsförderung KfW.
Photovoltaik
- Lebensdauer: 25–30 Jahre, danach ca. 75 % Leistung.
- Materialaufwand: Silizium, Glas, Aluminium, Kupfer; Recycling energieintensiv, nicht vollständig.
- CO₂-Bilanz: im Betrieb nahezu emissionsfrei, Gesamtbilanz durch Herstellung und Recycling komplex.
Erdgas
- Chemische Zusammensetzung: hauptsächlich Methan (CH₄).
- Infrastruktur Deutschland: 520.000 km Gasleitungen, 40 unterirdische Speicher (20–25 % Jahresbedarf), LNG-Terminals.
- Nutzung: Strom 14 %, Industrie 40 %, Haushalte/Heizung 46 %.
- Preis: teurer bei Transportumwegen; politische Rahmenbedingungen beeinflussen Kosten.
- Herkunft: Russland direkt und über Zwischenstationen, Pipelines und LNG-Transport.
Erdöl
- Verbrauch Deutschland 2024: 3.843 PJ, davon Verkehr 70 %, Industrie 20 %, Haushalte 10 %.
- Stromproduktion <1 %.
- Importabhängigkeit: ca. 97 %.
- Entwicklung: Verbrauch insgesamt stabil; Rückgang nicht primär durch E-Autos.
Atomkraft
- Betrieb: CO₂-arm, grundlastfähig, hohe Verfügbarkeit (>90 %).
- Rückbaukosten: 1,4–6,5 Mrd. € pro Reaktor.
- Radioaktive Abfälle: langlebig, hochgiftig (z. B. Cäsium-137, Strontium-90, Plutonium).
- Uranvorräte: begrenzt, Laufzeit 40–60 Jahre.
- Neue Reaktoren: extrem teuer, Bauzeit 10–20 Jahre.
- Wurde als „grüner Strom“ eingestuft, da kein CO₂ in der Produktion entsteht. (?)
- Rückbau kann bis zu 50 Jahre dauern und Milliarden kosten (Beispiel: AKW Greifswald bereits >6,8 Mrd. €).
Kohle
- Stromanteil 2023: 28 % (Braunkohle 18 %, Steinkohle 10 %).
- CO₂-Emissionen: Braunkohle 1.100 g/kWh, Steinkohle 900 g/kWh.
- Umweltauswirkungen: Tagebau, Landschaftsveränderungen, Wasserumleitungen, Luftschadstoffe, Biodiversitätsverlust.
- Versorgung: Grundlaststrom zuverlässig, fossiler Brennstoff.
Zwischenfazit
- Flächen- und Materialaufwendungen für Wind- und Solaranlagen sind enorm.
- Um die Energieversorgung Deutschlands auf rein erneuerbare Quellen umzustellen, bräuchte man Tausende Windparks und Millionen Solarmodule – mit entsprechendem Verbrauch an Beton, Stahl, Balsaholz, Glas, Aluminium, Silizium und Landfläche. Hinzu kommen Speicher- oder Ausgleichsanlagen.
- Für die Wirtschaft bedeutet das: hohe Kosten, lange Planungszeiten und Unsicherheiten, enormer Infrastrukturaufwand sowie mögliche Konflikte mit Landwirtschaft, Naturschutz und Anwohnern.
- Ökostrom: Zahlen, Herkunft und Subventionen zeigen, dass der Begriff „grün“ sehr differenziert betrachtet werden muss.
Die grüne Wende: Funktioniert sie nur durch Subventionen?
In Deutschland wird zunehmend hinterfragt, ob die angestrebte grüne Transformation ohne massive staatliche Subventionen überhaupt möglich ist. Kritiker argumentieren, dass die hohen Subventionen für erneuerbare Energien und grüne Technologien nicht nur die Staatskassen belasten, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gefährden könnten.
Ein Beispiel: Der Stahlriese ArcelorMittal hat trotz Milliarden-Subventionen seine Projekte für klimaneutrale Stahlproduktion in Deutschland abgesagt – Grund: Unsicherheit am Standort und zu hohe Kosten (Die Welt).
Auch international gibt es Bedenken. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sind die Subventionen für fossile Energien weltweit auf einen Rekordwert von 1,36 Billionen US-Dollar gestiegen, was die grüne Transformation zusätzlich erschwert (Table.Media).
In Deutschland selbst wird die Belastung kritisch betrachtet: Analysen zeigen, dass die Kosten der Energiewende bis zu sechs Billionen Euro betragen könnten – ohne signifikantes Wirtschaftswachstum. Experten warnen, dass die hohen Subventionen den wirtschaftlichen Fortschritt hemmen könnten (Die Welt).
Diese Entwicklungen werfen die Frage auf: Ist die grüne Transformation ohne massive staatliche Unterstützung überhaupt realisierbar? Oder führt der Subventionswettlauf zu einer Verzerrung des Marktes und gefährdet langfristig die Wettbewerbsfähigkeit?
Ist grüner Strom der richtige Weg?
Unsere Fragen sind nun: Ist es wirklich sinnvoll und klug, den Weg des grünen Stroms so, wie er bisher von der Politik gefordert wird, weiterzugehen? Ist der Preis nicht zu hoch – nicht nur für uns Verbraucher, sondern auch für unseren Wirtschaftsstandort Deutschland? Und vor allem: Zahlt die Natur den höchsten Preis? Nach unserer Einschätzung wird gerade sie am meisten vernachlässigt.
Welche Unternehmen sind unter diesen Bedingungen noch bereit, in Deutschland zu bleiben und zu investieren?
Bei der Betrachtung der Daten – und es sind längst nicht alle – stellt sich uns die Frage: Ist grüner Strom wirklich grün – oder ein weiteres Geschäftsmodell?
Uns würde Ihre Meinung und Ihr Wissen zu diesem Thema sehr interessieren. Bitte lassen Sie uns in den Austausch kommen.
Danke.
Herzliche Grüße
Ute Brüne mit Sebastien & Alexander Grunwald
…und dem gesamten Team